Dienstag, 12. Dezember 2017

Sizilische Geschichten (6): Wenn der Libeccio über die Südküste fegt.

Nachts war noch alles ruhig. Vielleicht ein leichtes Blähen der Plane, die ich über Levjes Cockpit aufgespannt hatte. Ein leises Wehen aus dem Osten, das unter der Plane hindurchstreicht. Nicht mehr.

Am Morgen wache ich auf, weil das Boot vibriert. Ein Unruhe verbreitendes Tak-Tak-Tak vom Mast her, ein rythmisches Geräusch, das Unruhe in meinen Halbschlaf schiebt und sich nicht begnügt, nur mein Trommelfell zum Schwingen zu bringen, sondern gleich das ganze Schiff. Während ich die Augen im Halbdunkel öffne, denke ich darüber nach, was mein siebeneinhalb Tonnen schweres Schiff in seinem zwei-Meter hohen Stahlgerüst derart zum Vibrieren bringt. Ein schlagendes Fall kann es nicht sein. Aber was dann? 

Ich beschließe aufzustehen. Gemessen an den Nächten zuvor ist es angenehm warm. Mehr als 18 Grad zeigt das Thermometer am frühen Morgen, wo es noch vor 24 Stunden kaum acht Grad waren. Angenehm, zumindest das. Ich schaue hinaus. Keine 100 Meter weiter vorne, den Hügel am alten Bahnhof hinunter, wo mein Boot für den Winter geparkt ist, sehe ich das Meer. Statt spiegelglatt kommt jetzt Roller auf Roller auf die Küste zu. Lange Reihen. Mehr als sechs Windstärken. Libeccio. Wind aus dem Südwesten, Wind aus der Sahara. Das erklärt die achtzehn Grad beim Aufstehen. Ich höre das gewaltige Rauschen der Brecher bis in Levjes Kombüse, aus der ich jetzt hinunterschaue.

Die Einfahrt in den Hafen von Sciacca - immerhin beherbergt er die zweitgrößte Fischereiflotte Siziliens. Aber an einem solchen Tag geht kein Fischer hinaus.
Während ich mir Tee koche, gerät das Boot immer wieder in Schwingung. Es sind Böen, die vom Meer heranrollen wie Brecher und Levje breitseits treffen. Vermutlich sind sie so stark, dass der Mast für sie ein Hindernis ist. Dass die Böen gegen den Mast prallen. Ihn in Schwingung versetzen, als wäre er ein zwischen den Fingern eingespannter Grashalm, den man kraftvoll anpustet. Nur das er seine Schwingung über die Wanten auf die Seitenwände des aufgebockten Bootes überträgt. Mein Boot, meine Behausung in diesen Wochen, sie ist jetzt im Libeccio an Land ein großer Resonanzkasten. Ein ums andere Mal vibriert der Tee in meiner Tasse.


Am Nachmittag sehe ich mir ich mir an, was der Sturm mit dem Meer in der Hafeneinfahrt macht. Ich sehe die brechenden Grundseen genau in der Einfahrt. Für eine Segelyacht wäre es zumindest ein schwieriges Unterfangen, bei diesen Bedingungen einzulaufen, wenn nicht gar unmöglich. Ich versuche mir diesen Anblick für alle Zeit einzubläuen, für den Fall der Fälle. Wie schwierig die Situation draußen auch immer sein mag: Allemal besser draußen bleiben, als mit dem Boot in eine dieser brechenden Seen in der Hafeneinfahrt zu geraten und querzuschlagen.


Einen Moment sehe ich fasziniert den Vögeln zu, die im Starkwind segeln, einfach mit ausgebreiteten Flügeln vor sich hin schweben. Wo Sturm ist, kreist meist ein Vogelsschwarm. Wo unsereins bei solchen Bedingungen die feste, schützende Hülle sucht, tun die meisten Vögel (jedenfalls die, die fliegen nicht verlernt haben) genau das Gegenteil. Sie suchen das unsichere Element. Sie stürzen sich in die Lüfte. Gerade dort, im scheinbar Unsicheren, Unwirtlichen, finden sie mehr Schutz als in jeder Mauernische, die für sie zur Falle werden kann.

Eigentlich trifft der Wind an dieser Stelle aus südöstlicher Richtung auf die Küste. Er schon. Aber die Wellen nicht. Sie rollen in die Richtung, die der Wind ihnen weit draußen verpasst hat. Dorthin, wohin der Libeccio sie draußen hinbeschleunigt: Nach Nordosten. Dummerweise ist die Hafeneinfahrt des großen Hafens in Sciacca auch noch so konzipiert, dass sie nach Südwesten offen ist. Die Wellen rollen von dort ungehindert an. Und schwappen in den Hafen, wo gleich hinter der Hafeneinfahrt die Schwimmstege der beiden großen Segelclubs liegen. Ich treffe Carlo, der jetzt im CIRCOLO NAUTICO den Winter über als Marinero arbeitet. Er schaut sorgenvoll. "Schau mal, wie sich der hundert Meter lange Schwimmsteg wie eine Seeschlange in der einlaufenden Dünung windet." Nicht nur er oszilliert. An den Seiten des ewig langen Schwimmsteges ist Boot an Boot vertäut. Jetzt werden sie einfach mitgerissen wie Nussschalen vom Hin und Her des Schwimmsteges in der glucksenden Dünung.

"Vorne, am Ende dieses Stegs, schließt sich im rechten Winkel ein zweiter Steg an. Die Verbindung ist gebrochen, wenn das so weitergeht, dann reißt der Steg auseinander. Die beiden Yachten an diesem Außensteg sind zu schwer." Aber auch sonst hat Carlo alle Hände voll zu tun. Er überwacht die kleinen Boote, die sich im Hin und Her des Schwimmsteges immer mehr von ihrer Heckleine holen und dadurch drohen, mit dem Steg selbst zu kollidieren. Immer wieder spurtet Carlo über den schwankenden Steg nach draußen, wenn ein Boot droht, zu nahe an die scharfen Kanten des stählernen Schwimmsteges zu geraten.


"Am schlimmsten sind die Stürme hier immer um die Zeit, wenn die Jahreszeiten wechseln", sagt Carlo. "Das war nicht immer so. Als ich hier aufwuchs, waren es eher die reinen Winterstürme, die uns beeindruckten. Seit ein paar Jahren habe ich den Eindruck, dass das Wetter schlecht wird, wenn es eigentlich schön werden müsste - wenn das Frühjahr kommt, im April." Carlo fuhr früher raus als Fischer, bevor er sich für ein vermeintlich ruhigeres Leben als Marinero entschied.

Ich fahre hinaus, ein paar wenige Minuten nach Westen vor die Stadt, zum Sandstrand vor der alten Tonnara, der einstigen Thunfisch-Konservenfabrik. Es ist meine Lieblingsecke. Ein weiter Sandstrand zu Füßen eines einsamen Schlotes, den man als letztes Wahrzeichen der einstigen Tonnara stehen ließ. Der große Schlot, über den Qualm der großen Feuer abzog, die das Thunfischfleisch in großen Kupferkesseln zum Sieden brachten. Vor zwei Tagen bin ich zwischen den beiden großen Steinmolen hindurch noch nach draußen geschwommen. Jetzt ist daran kein Denken mehr, so aufgewühlt und tobend sind die Elemente. Sie werden es für zwei weitere Tage noch bleiben. Mindestens.


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Samstag, 9. Dezember 2017

Eine Dezember-Wanderung auf Sizilien.



Heute, am 8. Dezember, bin ich in Sciacca zu einer Wanderung vom Hafen hinauf in die Hügel hinter der Stadt aufgebrochen. Alles ist, wie es sein soll: In den Olivenhainen haben die Blumen einen weißen Teppich ausgelegt. Die Kakteen tragen Früchte. Der Hibiskus hängt schwer von roter Blütenpracht auf den Weg herunter. Die Bauern stehen auf Leitern in den Olivenbäumen und holen den letzten Rest der diesjährigen Ernte von den Bäumen. Laut reden sie, aus einem Baum hinüber in den anderen. Es sieht aus, als würden die Kronen der Oliven und nicht die Bauern miteinander sprechen. Aber letztlich macht das keinen Unterschied: Ich verstehe den Dialekt der Bauern so wenig wie das geheime Leben der Olivenbäume, vom Dialekt der Leute von Sciacca kommt bei mir nur ein gleich zweifach verschlüsseltes "Uglu fi Luuulu Lu" an, sie singen ihre Sprache statt sie zu sprechen. Und überdies scheint es streng verboten, die letzte Silbe ordentlich auszusprechen.

Als ich gegen Mittag am Hafen loslief, waren die Straßen ausgestorben. Nanu? Kein Auto. Kein Fußgänger. Kein kläffender Hund und keins dieser röhrenden Mopeds mit einem Jugendlichen drauf? Niemand. Nichts. Nur vor der TRATTORIA ITALIA von Nino am Hafen drängen sich Familien im

winterlichen Sonntagsstaat. Es hat zwar knapp über 20 Grad, als ich mit meinem Rucksack loslaufe, aber für Italiener ist Dezember nun mal Dezember, komme, was da mag. So wandere ich die steilen Gassen von Sciacca den Hügel hinauf in die menschenleere, reglose Altstadt oben. Alles leer, alles zu, wo sonst Leben ist. Erst oben vor dem Stadttor begegnet mir ein junger Mann, den ich fragen kann. "La Festa di Maria", sagt er trocken und schaut nur kurz vom Smartphone auf, "Tutto rosso." Was ich frei übersetze mit "Alles steht auf Rot": Kein Laden hat geöffnet, kein Bäcker. Und erst recht keine meiner Gelatterien. Und La Festa di Maria? Es ist das Fest Mariä Empfängnis -  nein, nicht das Fest, wo Maria den Jesus empfing, sondern deren Mutter Anna eben ihr Töchterchen Maria. Warum das zu ausgestorbenen Straßen in Totenstille führt? Ich weiß es nicht, nehme mir aber vor, es zu ergründen. Je mehr ich dies Italien zu kennen meine, umso rätselhafter ist es mir.



Wie so oft, wenn man im Ausland einfach in die Landschaft losspaziert, stellt einen das vor Probleme. Wer daheim gewohnt ist, dass man überall und überallhin laufen kann, kommt schnell an Grenzen. Nicht nur an eigene, sondern an die von allem, auch die des schier allwissenden GOOGLE. MAPS sagt, dass ich hinter der Porta di San Calogero einfach einen Feldweg nehmen könnte. Doch plötzlich stehe ich mutterseelenallein in matschigem Bauschutt vor einem Schild, auf dem mir die REGIONE DI SICILIA das Weitergehen untersagt. So kehre ich um, ich möchte mich am Festtag nicht mit einer ganzen Region rumstreiten, und laufe weiter durch reglose Vorstädte, deren einzige Regung ein Wehen des Vorhangs ist. Nicht mal ein Fernseher sendet wie sonst farbigen Krach in die Luft. Einfach. Alles. Still.

Dafür ist der Ausblick mit jedem Schritt erhabener, je höher ich komme. Und gewaltiger. Vor allem hinunter aufs Meer. Je höher ich komme, desto mehr regt sich das Leben. Ich sehe zwar immer noch keine Menschen, aber immerhin bellt vor jedem Haus, an dem ich vorbeikomme, ein Hund. Meistens


 sind es drei. Sie morsen sich in irgendeinem Hundealphabet die ganze Häuserreihe links und rechts zu, dass hier gleich einer entlangkommen wird, für den es sich lohnt, die Stimme zu erheben. Zwei wilde Straßenköter haben Mitleid mit mir. Und begleiten mich ein Stück die still daliegenden Windungen hinauf, zu meinem Ziel, dem Gipfel des Monte Kronio, der auch Monte di San Calogero heißt und zu den Öfen des Heiligen Calogero.

Monte Kronio? Die Öfen des Heiligen Calogero? Von der Kathedrale auf dem Gipfel, die man nach zweieinhalb Stunden erreicht, hat man einen fantastischen Blick, allein das ist schon die einsame Wanderung wert zu dem Ort, an dem der heilige Calogero, der "gute Alte", als Eremit, als byzantinischer Fremder unter Fremden lebte. Und bis zum gesegneten Alter von 95 Jahren Bekehrungsarbeit leistete. Er ist einer der meistverehrten Heiligen Siziliens, der hier lebte. Und mich 1.500 Jahre nach seinem Leben regelmäßig immer noch ins Schleudern bringt. Es wimmelt in Sciacca von Männern, die entweder Carmelo, Camillo oder Calogero heißen. Und meist bringe ich die Vornamen durcheinander.

Der Berg des heiligen Calogero hats zudem in sich: Steht man vor der Kathedrale und schaut von dort hinunter, dann



dampft und wabert es aus dem Inneren des Berges. Heißer Dampf quillt leise zischend aus unterirdischen Grotten auf dem fast 400 Meter hohen Gipfel ans Tageslicht, wo der Wind die Schwaden gleich mit sich fortträgt. Ich lese, dass dort, wo Calogero, der Eremit, einst lebte, eine Höhle tief hinein in den Berg führt. Es dauerte, bis sich nach einem Flickschuster im 17. Jahrhundert um 1955 herum erstmals wieder eine Expedition in die dampfende Grotte hineintraute. Sie drangen 40 Meter tief ein. Doch die Bedingungen dort unten waren ungut. 38° Temperatur und 100% Luftfeuchtigkeit sorgten dafür , dass niemand sich länger als 20-30 Minuten dort aufhalten kann - die Dauer eines ausgedehnten Saunaganges. Erst als sie Anfang der Sechziger mit schwerem Gerät in den Dampf vorrückten, entdeckten sie, dass dort drinnen im Dampf wohl schon lange vor ihnen Menschen unterwegs gewesen. Man fand griechische Pithoi. Große tönerne Vorratsbehälter dort drinnen, und wer weiß, ob es Furcht oder Gier oder Neugier waren, die Menschen samt waschmaschinengroßer Tonkrüge vor 2.000 Jahren in den feuchten Dampf getrieben hatten.

Es ist spät geworden, als ich gegen vier vom Monte Calogero zurück nach Sciacca aufbreche. Noch eine dreiviertel Stunde bleibt mir, bis die Sonne untergeht. Jetzt, wo sie tief steht, ist es tatsächlich Dezember - nun auch in Sizilien. Wo unter mir der Dampf aus dem Berg quillt, ist es frisch, und mir ist kalt. Mutig, wie ich nun einmal nicht bin, nehme ich einen Feldweg statt der Straße ins Tal, den mir GOOGLE MAPS vorschlägt. Ich stelle mich darauf ein, nach einer dreiviertel Stunde steilem Abstieg am Ende dieses Weges vor einer Steilwand oder einem Abladeplatz für Bauschutt zu stehen, die mich zur Umkehr in die Dunkelheit zwingen. Tatsächlich wird der Weg nach 20 Minuten schmaler und schmaler, bis er plötzlich in der hereinbrechenden Dämmerung zu einem ausgespülten Bachbett wird, durch das ich mehr klettere als laufe. Gedanken an "Wie steht man am besten eine Nacht ohne Ausrüstung bei 6 Grad Außentemperatur durch?" wehen durch mein Gehirn. Aber nach wenigen Minuten wird ein Weg durch Olivenhaine daraus, ich habe die Stadt wieder vor mir, während von Nordwesten Wolken aufziehen und die Sonne noch einmal durch die Wolken bricht.



Und während ich entlang einer Ausfallstraße weiter Richtung Sciacca wandere und langsam Richtung Zentrum gleich in der ersten Gelatteria am Busbahnhof kleben bleibe, die mir in der sizilischen Kälte nun so unwiderstehliche Eissorten wie Baccio, Cioccolato nero, Kinderbueno oder Ferrero Rocher anbietet, während ich mich also meinem Eis zuwende, entdecke ich: Wie Italien am Festtag Mariä Empfängnis - Gottseidank - doch wieder in die Normalität zurückgefunden hat. Lange Autoschlagen wälzen, drücken, drängen sich im Schrittempo durch die schmalen Gassen der Innenstadt. Hilflos eingekeilt ein Wagen der Polizia, deren Insassen über meine Eissorten rätseln. Über den Leuchtsternen schallen Frank Sinatra-Weihnachtssongs in den Winterhimmel, als wäre dies New Yorks Fifth Avenue.

Das Leben ist zurückgekehrt. Nach Sciacca. Halleluja.






Sonntag, 26. November 2017

Sizilische Geschichten (4): Das Boot im Bahnhof. Oder: Wenn im Herbst ein Boot aus dem Wasser kommt.


Es ist Herbst geworden in Sciacca, der Stadt am Meer im Südwesten Siziliens. Das Gleißen des Lichts ist verschwunden. Das Gold der Tage ist zurückgekehrt. Selbst die alte Thermen-Anstalt, erbaut um 1920, in den Ruin geführt wegen Misswirtschaft vor ein paar Jahren, leuchtet in den späten Herbstnachmittag.



Für die meisten Menschen ist der Herbst eben der Herbst. Die Zeit, in der die Blätter fallen. Das Wetter grau wird. Wer ein Boot besitzt, für den ist der Herbst die Zeit, in der man sein Boot aus dem Wasser holt. Das Ende des Sommers. Und es hilft auch kein noch so türkisfarben leuchtendes Meer, kein noch so warmer Herbsttag: Das Boot ist nicht mehr in seinem Element, wo es hingehört. Sondern dort, wo es eben nicht hingehört: An Land.

Aber um das Boot aus dem Wasser zu kriegen, ist einiger Aufwand nötig. Fünf Männer und ein Kran rollen Montags um halb elf an der Hafenpier an, wohin ich Levje am Morgen hinbugsierte. Etliche Schaulustige kommen auf ihren Mopeds auf die Pier gerollt, um dem Spektakel beizuwohnen: Hafenarbeiter ohne Job. Fischer an ihrem jobfreien Hafentag. Rentner, deren Job längst in der Vergangenheit liegt. Und solche, deren Job es ist, die Dinge aus sicherem Abstand zu kommentieren. Und jene, die sich ums Kranen kümmern sollen, mit allerlei Anfragen von ihrem eigentlichen Job abzuhalten.

Ich denke darüber nach, wie es sich anhören würde, wenn einer der Gurte risse. Und Levjes massiger, siebeneinhalb Tonnen schwerer Plastik-Walfischkörper aus drei Metern Höhe - Bleikiel voraus - aufs Teerpflaster knallen würde. Vermutlich wäre das ein Geräusch irgendwo zwischen lautem Knall und verheerendem Knirschen. Ich kenne Leute, deren 17 Tonnen Stahlyacht aus dem Gerüst seitlich zu Boden kippte. Ich kenne Geschichten, jene modernen Mythen, was mit einer vernünftigen gebauten Yacht passiert, wenn sie an Land zur Seite umfällt. Ein grusliger Gedanke. Aber außer dass das Krangestell, in dem sich wenige Augenblicke später die vier Gurte spannen werden, kurz gegen den Baum schlägt, passiert nur wenig. Die fünf Männer passen höllisch auf - trotz ständigem seitlichen Dazwischengequatsche derer, die das Glück haben, nur zuschauen zu dürfen.








Dann: Sind Levjes siebeneinhalb Tonnen sicher auf dem fahrbaren Trainer gepackt. Mein Schiff beginnt, an den parkenden Wohnmobilen vorbei über die Hafenmole zu ihrem Winterliegeplatz auf dem Hügel zu rollen. Ein Schiff, das so fremd aussieht, als wäre es eine Fata Morgana über der Weite der Mole von Sciacca.

Nur dort, wo die emsig befahrene Hafenstraße kurz den Weg meines Schiffes kreuzt, wird es kurz spannend. Die Autos stoppen wie am roten Licht eines Bahnübergangs vor dem im Schritt-Tempo heranrollenden Transport. Italiener mögen chaotische Autofahrer sein, denkt man oft als Deutscher, doch das stimmt nicht, sie fahren nur anders als wir Deutsche, es ist weniger jene selbstverliebt wie Narziss um sich kreisende Dominanz, die den Straßenverkehr bestimmt, sondern dass einer vom anderen weiß, was er jetzt gerade vorhat. Und da mein Schiff ferngesteuert von dem ein paar Schritte hinterherlaufenden Carmello klar seinen Weg zu kennen scheint: Drum halten auch alle einen kurzen 



Moment, bevor mein Schiff ansetzt und den steilen Weg erklimmt, hinauf zum alten Bahnhof von Sciacca. Da oben, auf dem Hügel, von dem ich eine gute Aussicht habe hinunter auf den Hafen, aufs Meer und zum Centesimo-Supermarkt mit seinen fantastischen Schinken und den intensiv nach Salz und Meer und Anchovis schmeckenden schwarzen Oliven: Da oben neben dem alten Bahnhofsgebäude wird Levje die nächsten Monate am Land stehen zwischen wenigen anderen Schiffen. Dort, wo die Schienen der alten Schmalspurbahn enden, die einst von Agrigento am Strand entlang und an der alten Thunfischfabrik vorbei lief: Da wird mein Schiff jetzt den Winter über sein. Ich hoffe, ich kann oft hier sein. Denn kaum irgendwo ist der Winter so schön wie in Sizilien.




Mittwoch, 8. November 2017

STURM im Fernsehen: Das Studio. Der STREAM. Und die kluge Maskenbildnerin.


Manchmal wünschte ich: Ich wäre ein Buch. Einfach ein Teil, das reglos, emotionslos und eben nicht lampenfiebernd Teil dieser Welt ist. Gestern, vor dem Auftritt in HR FERNSEHEN hätte ich gerne mit meinem Buch tauschen mögen: Denn das Warten auf den Auftritt vor der Kamera ist wie das Warten auf den Moment, in dem man in den Operationssaal geschoben wird. Man ist einfach nur nervös. Sitzt in einem kleinen Warteraum. Und erwartet den Moment, in dem einer um die Ecke kommt und unabänderlich sagt: "Es geht los". Und irgendwas mit einem gemacht wird.



Dabei lief alles ganz rund. Es geht trotz des Riesengeländes des HR in Frankfurt gemütlich zu und familiär. Die familiäre Atmosphäre beginnt bei der Maskenbildnerin, die mein Gesicht für die Sendung vorbereitet, pudert. Ja, sie liebe Bücher, sagt sie, während ihr Pinsel leicht über meine Nase gleitet, sie würde sich immer vorher im Internet ansehen, wer zu ihr käme. Ob sie denn mal einen echten Promi getroffen hätte, der sie so richtig verblüfft hätte, im persönlichen Gespräch während der "Maske". Sie denkt kurz nach. Nein. Was ihr geblieben sei von den Gesprächen, die sie in 17 Jahren beim HR als Maskenbildnerin mit ihren Kunden geführt hätte, wären vor allem einfache Leute gewesen. Solche, die ein ungewöhnliches Leben führten. Ich kann nicht anders, als sie reflexartig fragen, ob sie Lust hätte, ein Buch über diese Begegnungen zu schreiben. Verlegerkrankheit. Sie lacht, als hätte ich etwas ausgesprochen, was sie schon lange mit sich trüge. 

Das zweite, was an "Operationssaal" erinnert, ist die Innenausstattung des Studios. Was man auf dem obersten Foto sieht, die Hintergründe, die Frankfurter Skyline bei Nacht, die gibt es nicht. Das wird alles computerisiert eingespielt. Der Raum ist in Wahrheit OP-grün rundum, in ihm ist wenig mehr echt als der Tisch, an dem ich stehe. Und die Markierungen im Boden, die den Sprechenden signalisieren, wo sie zu stehen haben.

Dann kommt der Moderator vom Dach des Studios, auf dem die erste Szene gedreht wurde. "Eine Minute zehn" ruft jemand im Hintergrund. Noch eine Minute zehn, während der Filmbeitrag über die Schlossgärten läuft, bis zum Live-Auftritt. Das Warten auf den Moment ist wie das Warten auf einer Autobahnbrücke auf den Augenblick, in dem man kopfüber in die Tiefe springt und nur auf das Gummiband um die Füße hofft, das schon dafür sorgen wird, dass man unten nicht zerschellt. 

Dann steht der Moderator vor mir. Die Stimme im Hintergrund zählt. Was, wenn ich jetzt kein Wort rausbringe? Ich liebe diesen Moment, und ich hasse und fürchte ihn, seit ich zum ersten Mal an der Uni Referate hielt. Der Moment des ersten Wortes. Ich weiß: Ich muss es jetzt nur schaffen, zwei gerade Sätze rauszubringen. Wenn ich das schaffe: Dann wird auch der Rest laufen.

Ob ich tatsächlich die ersten beiden geraden Sätze herausbrachte? Schauen Sie einfach nach: Zum Livestream der Sendung: Hier. 



Dienstag, 7. November 2017

millemari.s STURM gestern im TV. Zum Stream der Sendung.


Gestern Abend war STURM über Frankfurt. Nein, kein neuer "Herwart", erst recht keine "Irma". Aber millemari.'s 19. Buch ging bei ALLE WETTER! mit Thomas Ranft auf Sendung. Heute Dienstag 7.11. ab 19.15, in HR FERNSEHEN. Hier gehts zum LiveStream der Sendung (auf 6.45 vorspulen).

Ich? War nervös, während ich diese Zeilen im B&B Hotel Frankfurt schrieb. Hoffentlich fände ich die richtigen Worte. Hoffentlich erzähle ich jede Geschichte richtig. Und ich weiß: die 35 Autoren, die Sturm-Abenteuer aus allen Ozeanen beisteuerten, würden mitbibbern. Mit einer eigenen Geschichte in einem Buch, ist für die meisten ein tolles Erlebnis. Aber damit jetzt auch noch im TV?  

Auch die Freude unserer Autoren ist für Susanne und mich ein guter Grund, dass wir stolz sind, dieses Buchprojekt ins Leben gerufen zu haben. Wenn Sie also Lust haben: Dann schauen Sie einfach in den Livestream. Bei ALLE WETTER!  Wenn es STURM gibt über Frankfurt:









Dienstag, 31. Oktober 2017

HANSEBOOT 2017: Ankommen auf dem Schiff, auf dem Rollo Gebhard vor Grönland kenterte.






 Es ist eine dunkle, wolkenlose Nacht am Hamburger Hafen. Vor wenigen Tagen hatte Sturmtief "Herwart" den Zugang zum Sporthafen noch knietief überflutet, über den ich jetzt gehe. Zwei Schwimmstege, die in der Dunkelheit aneinander scheuern, es klingt in der Dunkelheit, als wären es zwei Wale.

Und dann liegt sie vor mir. KIRA VON HANDELOH heißt sie jetzt, die einst SOLVEIG hieß. Und Rollo Gebhards Schiff war. SOLVEIG IV - ein dunkelblauer Schatten am Ende eines unbeleuchteten Schlengels. 50 Meter weiter fährt ein Containerfrachter vorbei. Ein Festmacher knarzt singend im Takt.

Schmuck sieht sie aus, als ich in der Dunkelheit die Bordwand hochklettere. Und gut gepflegt. So wie ich ist vor mehr als dreißig Jahren an dieser Bordwand auch Rollo Gebhard hochgeklettert. Mit seiner jungen Frau, Angelika.
Dann habe ich in der Dunkelheit den Niedergang vor mir. Ich schiebe das Luk zurück, klettere drei Stufen hinunter. Ich stehe im Salon. Hier war das also. Ich sehe die roten Polster. Die einfachen Schapptüren, die Beschläge, die noch die originalen sind. Die Küche. Ich denke an Rolle Gebhard. Ich schaue zur Holzdecke des Salons. Und stelle sie mir die beiden vor, damals im Sommer 1983 vor der Südspitze von Grönland.

"Ich höre das Bersten von Holz, 
das Rauschen von Wasser.
Unser Boot wälzt sich noch weiter herum, 
ich liege auf der Decke der Kajüte,
rolle wieder zurück, am Bullauge vorbei, 
dort, wo Wasser eindringt."
Rollo Gebhard, in: Leinen los. Wir segeln um die Welt.

Es ist meine Lieblingsgeschichte, die auf diesem Schiff und in diesem Salon spielt. Weil Rollo Gebhard ja schon zwei mal über den Atlantik gesegelt war - zum ersten Mal 1963/64 auf einem 5,60 (!) Meter langen Sperrholzboot; danach auf einem immerhin 7,30 langen Kajütboot - und nicht schon wieder von den Kanaren aus in die Karibik wollte, hatte er sich für diesen Törn für eine andere Route entschieden: Von Deutschland an Schottland vorbei über Island und Grönland die Nordroute nach Nordamerika. Mit dabei seine Frau Angelika. Die war noch nie zuvor gesegelt. Was tats.

Bis Island lief alles gut. Es war August 1983. Deutschland erlebte einen Jahrhundertsommer, aber vor der Südspitze Grönlands geraten Rollo und Angelika in einen Sturm. Die Wellen müssen gigantisch gewesen sein, schreibt Gebhard. Mitten in der Nacht, kurz nachdem Gebhard draußen an Deck war, erwischt ein Brecher das Boot breitseits. Die SOLVEIG kentert, Wasser dringt ins Schiff, Elektronik, Heizung und was nicht niet und nagelfest war, ist hinüber. Auch die Windmessanlage, die Antennen für die Navigation und Funk. Der Motor macht nicht mehr.
Doch die beiden Masten überstehen wie durch ein Wunder die Kenterung. Die nächsten Tage, mit nassen Klamotten in den nassen Polstern, werden zur harten Prüfung:

"Da treiben wir nun mit unserer Habe
durch die trostlose Einsamkeit des Meeres.
Bei Sturm und ungeheurem Seegang.
Es geht mir wie früher als Kind. 
Wenn ich mich nachts fürchtete
und mir die Bettdecke übers Gesicht zog".
Rollo Gebhard, in: Leinen los. Wir segeln um die Welt.

Es dauert, bis der Sturm nachlässt. Und die beiden mehr als zwei Wochen später ohne die Möglichkeit einer Heizung mit nassen Klamotten ausharren. Und weitermachen.


"Mit knapper Not und unter Aufbietung letzter Kräfte 
gelang es uns, nach 16 eisigen Nächten und Tagen 
die Küste Neufundlands zu erreichen.
Dieses Ereignis ist bis heute ein unvergessener Einschnitt 
in meinem und vor allem in Angelikas Leben geblieben."
Rollo Gebhard, in: Leinen los. Wir segeln um die Welt.

Nach einer Erholungspause in St. Johns und umfangreichen Reparaturen setzen sie ihre Reise nach Süden fort. Aber damit ist Rollo Gebhards Bericht noch nicht zu Ende. Diese Reise auf SOLVEIG IV


sollte noch einiges in Gang setzen.

Jetzt sitze ich hier in diesem Salon. Es ist eine kalte Nacht Ende Oktober. Halloween. Das Schiff schwankt, wahrscheinlich ist gerade wieder ein Frachter an uns vorbei. Im Abfluß der Küche gurgelt das Wasser im Takt unseres Schwingens. Ich werde an die beiden denken, heute, beim Einschlafen in der achteren Koje.

Rollo und Angelika Gebhards 
immer noch spannenden Reisebericht 
über ihren weiteren Weg um beide Amerikas 
bis zu den Gletschern Alaskas
können Sie lesen in:


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oder in jeder Buchhandlung.

Der Bericht der Kenterung ist
eine von mehr als 30 Sturmgeschichten
im soeben erschienenen Band: 


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Special Thanks to Edgar Schrader!!






Sonntag, 29. Oktober 2017

Die 19. Neuerscheinung bei millemari.: STURM. Jetzt NEU zur HANSEBOOT 2017.


Meine Frau sagt: Dies Buch zu Lesen war für sie der blanke Horror. Das Buch kam Freitag Abend aus der Druckerei. Katrin sagt, es würde in ihr all die schlimmen Ereignisse dieses Segelsommers wieder aufwühlen. Wie unser Motor irgendwo zwischen Korcula und Lastovo kurz nach dem Ablegen würgend stockte. Und nicht wieder ansprang. Wie ich ihn trotz mehrfachem Zerlegen der Leitung nicht wieder anbekam. Wie wir bei 30 Knoten vor dem Hafen von Korcula Stadt ein unmögliches Ankermanöver ohne Motor fahren mussten. Dieselpest. Es hätte schlimm enden können.

Merkwürdigerweise hat jeder, der öfter segelt, solche oder ähnliche Geschichte erlebt. Wer segelt, hat sich damit abgefunden. Slippende Anker, stotternde Motoren, klemmende Genuas - und alles genau dann, wenn man es halt gerade gar nicht brauchen kann, wenn der Wind gerade auffrischt. Meist erzählt man sich diese Geschichten unter Freunden, nach dem Törn - der Hauch des überstandenen Abenteuers umweht noch das Erzählte. Man wirft locker mit dem "Siebener" um sich. Und nur zu leicht vergisst man: Wie man sich allein oder zu zweit in dieser Situation fühlte. Und dass man einfach nur großes Glück hatte.

Vielleicht haben wir uns auch daran gewöhnt, dass Segeln nichts anderes ist, als ständig mit irgendwelchen Widrigkeiten fertig zu werden. Wünschen tut sich die Widrigkeiten keiner. Aber sie gehören dazu, zum auf dem Wasser unterwegs sein.

Als wir von millemari. vor zwei Jahren in den Internet-Foren Segler dazu aufriefen, uns doch die Geschichte ihres Sturms zu erzählen, flossen die Einsendungen erst zögerlich. Kaum jemand, der in der Nordsee, in der Ostsee, im Mittelmeer tatsächlich die acht, die neun Beaufort am eigenen Leib erlebt hat. Wir wollten ein Buch machen von normalen Seglern. Für normale Segler. Nichts aus den Roaring Forties, nichts vom VOLVO OCEAN RACE, von Ausnahmeseglern, die für genial inszeniertes Life-Spektakel bezahlt werden. Wir wollten Geschichten vom IJsselmeer, von der Deutschen Bucht oder Skagerrak oder Kroatien. Nach und nach kamen die Geschichten. Genau aus diesen Revieren. Wir lernten, dass man tatsächlich nicht weit fahren muss, um von 40 Knoten trotz gutem Wetterbericht überrascht und eingeholt zu werden. Und fernab aller bewundernden Zuschauer unbeobachtet einen stillen Kampf zu führen. Und dramatische Augenblicke zu durchleben.

Nicht jede unserer Geschichten geht gut aus. Nicht jeder hatte einfach großes Glück. Davon berichten nur allzu oft die Segelzeitschriften, davon erzählt auch unser Coverfoto, zu dem Sie die zugehörige Geschichte im Buch finden.

Unsere Absicht war es, ein Buch zu machen, das zeigt, wie Männer und Frauen in extremen Situationen reagieren. Namhafte Weltumsegler sind darunter wie Mareike Guhr, Rollo Gebhard oder Bobby Schenk. Berufskipper auf dem x.ten Überführungstörn. Profis und Eigner und Charterer. Doch allen 41 Geschichten gemeinsam ist, dass sie harmlos beginnen.

Meine Frau hat das Buch erst heute Nachmittag wieder weggelegt. Wir diskutieren darüber, was Segeln ist.

Wir wünschen Ihnen wenig Horror und viel Spaß beim Lesen. Mit dem 19. millemari.-Buch.

Ihr 
Thomas Käsbohrer

PS: In den nächsten Tagen berichten wir live von der HANSEBOOT in Hamburg. Wir nächtigen in Hamburg auf einem der Schiffe, auf denen eine der spannendsten Geschichten unseres Buches spielt. Lassen Sie sich überraschen...

                                      

41 Geschichten aus fünf Ozeanen von
Bodo Müller
Mareike Guhr
Rollo Gebhard
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Sonntag, 22. Oktober 2017

Sizilische Geschichten (3): Der Baum, der nie altert. Oder: Wie die Olive in die Flasche kommt.

Sciacca ist eine 40.000-Einwohner-Stadt, wie es so manche an der Südküste Siziliens gibt.
Man lebt überwiegend von Landwirtschaft und Fischfang, isst hervorragend und lässt den lieben Gott einen netten Mann sein. Weil ich mit Levje hier überwintere, drum berichte ich lose über diesen Ort und seine Menschen. 





Es ist Ende Oktober in Sciacca. Neben dem Fischfang lebt das Städtchen  vor allem vom Anbau von Oliven. Und jetzt, Ende Oktober, ist Oliven-Ernte in Sciacca.





Weil mich die Neugier treibt, wie das so ist mit der Olive, drum nehmen Giuseppe und Silvana mich in ihrem kleinen Fiat mit auf eine Reise durch die Olivenhaine Sciaccas. Die beiden arbeiten für die lokale Agrarbehörde von Sciacca, die die Landwirte in allen Fragen des Anbaus



und des Tier- und Pflanzenschutzes berät - vom Granatapfel bis zur Honigbiene, von der Bodenprobe bis zum biologischen Pflanzenschutz. Erst im Lauf dieses Tages begreife ich, dass die beiden nicht nur einen "Job" erledigen, sondern dass Giuseppes und Silvanas ganze Leidenschaft "ihren" Pflanzen und Tieren gilt.

Giuseppe ist in der Behörde der Spezialist für die Olive. "Schau", sagt er, "erst wenn die Oliven dieser Sorte alle dunkel sind, sind sie reif und es ist Zeit für die Ernte." Er hält mir eine Hand voll Oliven hin. Es reicht ihm nicht, dass er sich seit bald zwei Jahrzehnten mit Oliven beschäftigt. Er bewirtschaftet auch in seiner Freizeit einen eigenen Olivenhain mit etwa 160 Bäumen. Sie sind allesamt noch jung, und er hat sie selber gepflanzt. "War nicht einfach. Man braucht Geduld. Olivenbäume benötigen 5 Jahre, bis sie zum ersten Mal tragen - fast so lange wie ein Mensch braucht, um seine Schulreife zu erlangen", sagt Giuseppe. Es wird nicht das erste Mal sein, wo ich mich Giuseppe mit seinem Wissen über die Oliven verblüfft.

Die Ernte ist eine aufwändige Arbeit, Baum für Baum. Erst werden unter jedem Baum Netze ausgebreitet; dann wird mit einer Art vibrierendem Rechen Zweig für Zweig gerüttelt und geschüttelt, bis alle Früchte auf dem Netz liegen. "Pettine vibrante" nennen die Olivenbauern das Gerät, den "vibrierenden Kamm", weil an seinem Ende zwei blaue Rechen gegenläufig vibrieren und dadurch jeden Zweig "abkämmen". "Um meine 160 Bäume abzuernten, werden 4 Leute für 3 Tage beschäftigt sein. Da ist viel Handarbeit im Spiel, die sich eigentlich für einen profitablen Anbau nicht lohnt. Die Preise für den Produzenten der Olive sind am Markt ausgesprochen gering", erzählt Giuseppe, während wir durch den Olivenhain wandern.


Immer wieder kommen wir an besonderen Exemplaren vorbei. An solchen mit hohlen Stämmen, die dastehen wie ein Mensch. An anderen, die gedreht sind wie Korkenzieher - doch alle in Linksdrehung.


"Wenn Olivenstämme sich so drehen, ist das ein Zeichen, dass sie zu wenig Wasser bekamen. Der Olivenbaum verändert durch die Drehung des Stammes sein Wachstum - und kommt dadurch mit weniger Wasser aus." Giuseppe streicht mit der Hand durch das Geäst eines jungen Baumes.

"Das Faszinierende an Oliven ist, dass die verschiedenen Sorten auch verschieden geschlechtlich sind. Zum Beispiel die Biancolilla, die ich auf meinem Grundstück anbaue. Von ihr gibt es männliche und weibliche Pflanzen. Ich bevorzuge sie, denn ihr Geschmack ist leichter, und die Pflanze selber ist beständiger gegen heißen Wind, der den Pflanzen zusetzt. Die Cerasuola hingegen ist nur weiblich - ihr Geschmack ist weit intensiver, bitterer". Das gibt mir zu denken.

Und weil ich eigentlich noch nie so recht verstanden habe, was denn nun eigentlich von der Olive genau für das Öl verantwortlich ist, frage ich Giuseppe. Der zerquetscht einfach eine reife Frucht zwischen den Fingern. "Eine Olive besteht zu 50% aus Wasser und zwischen 18%-25% aus Öl. Der

Rest sind Proteine, Zucker, Zellulose. Wenn ich das Fruchtfleisch jetzt zwischen meinen Fingern presse, dann erhalte ich dieses Wasser-Öl-Gemisch, um das es uns eigentlich geht. Ich brauche etwa 10 Kilogramm Oliven, um etwa 1,5 Kilo Olivenöl kalt herauszupressen. Aber das zeige ich Dir morgen in der Ölmühle, wie wir das machen."

Irgendwo oberhalb von Sciacca, in den Hügeln, die sich entlang Siziliens Südküste erstrecken, folgt Giuseppe einem Schild. Bis er plötzlich inmitten der Olivenhaine auf freiem Feld steht - vor einem Baum, der ihn ums 10fache überragt. "Das ist der älteste Olivenbaum hier in Sciacca. Er heißt Oleastro d'Inveges und hier bei uns ist er eine Berühmtheit. Man findet ihn sogar in GOOGLE MAPS, wenn man 'Oleastro d'Inveges, Sciacca' eingibt. Er ist vermutlich über 1.000 Jahre alt und wuchs  in den Jahren, in denen die Normannen aus Nordfrankreich nach Sizilien kamen, um die Araber auf der Insel zu unterwerfen."

Der Stamm des Olivenbaumes ist riesig. Giuseppe und Giovanna schaffen es nicht annähernd, ihn zu umfassen.

Als wir unter der Krone des Baumriesen stehen, hat Giuseppe für mich das verblüffendste Detail über die Olivenbäume für mich parat: "Alle Pflanzen sterben, wie wir Menschen. Die Olive aber nicht. Wenn man sie lässt wie den Oleastro d'Inveges hier, dann werden sie 1.000 Jahre alt. Und mehr. Einer der Gründe dafür ist, dass sie zwar von innen absterben, dass sie aber nach außen weiterwachsen. Es gibt Olivenbäume, deren Stämme innen hohl sind. Doch das macht nichts, weil sich der Baum nach außen hin verjüngt. Ein Olivenbaum ist immer jung - so alt er auch scheinen

mag. Und weil er jung ist, trägt er auch nach 1.000 Jahren noch Früchte. Sie sind kleiner als die Oliven, die wir ernten. Aber dafür machen wir aus den Früchten dieses 1.000jährigen Baumes auch etwas Besonderes: Heiliges Öl - ein Öl, das nur in der Kirche zu rituellen Zwecken verwendet wird."

Und wie nun wirklich die Olive in die Flasche kommt? Das werden Giuseppe und Silvana mir morgen erklären, in der Ölmühle. Ich werde in meinem nächsten Post darüber schreiben.



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